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Moderlieschen ist nur Pflanzenkost 1990

Nürnberger Nachrichten, Südost-Anzeiger vom 26.04.1990

Moderlieschen isst nur Pflanzenkost

Schulbiologiezentrum am Hummelsteiner Park erläutert natürliche Kreisläufe

Ein ganzheitliches Denken in den großen Naturkreisläufen möchte das Schulbiologiezentrum am Hummelsteiner Schlösschen vermitteln, das seine Überlegungen seit kurzem auch mit einer Broschüre vorstellt. Doch die Gedanken vieler älterer Besucher kreisen noch um den Maulbeerbaum, die Schlangenhautkiefer und die bunte Pracht der Blumenbeete, die dem neuen Konzept weichen mussten (der Anzeiger berichtete).

 
Kinder legen Vogelschutzhecke an
(NN, 26.04.1990)

Naturfreunde sollen nicht nur erkennen, dass eine Tulpe wächst, wenn man eine entsprechende Blumenzwiebel einpflanzt. "Wir denken noch viel zu sehr in Schritten: Ich tue dies, dann passiert jenes. Wichtiger ist aber, eine ökologische Kette zu begreifen", meint Lehrer Gottfried HarIeß, der gemeinsam mit dem Gärtner Thomas Hofmann die 7000 Quadratmeter große Grünfläche an der Normannenstraße - auch gedanklich - beackert.

Besonders gut lässt sich dies am bis zu zwölf Meter tiefen Teich verdeutlichen, der im Frühjahr letzten Jahres angelegt wurde. In den tiefsten Regionen können die Amphibien überwintern, am flachen Ufer laichen Kröten und trinken Vögel. Gleich am ersten Tag waren Wasserläufer da, mittlerweile quaken dort über 300 Frösche, tummeln sich Libellen und Rückenschwimmer.

In den Tümpel setzte man Moderlieschen ein, die die Laiche nicht angreifen. Die sieben Zentimeter großen Fische sind reine Pflanzenfresser, sie ernähren sich von Plankton und Sinkstoffen und halten damit das Gewässer nährstoffarm. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass Algen nicht unkontrolliert wuchern und den Sauerstoffgehalt zu stark vermindern - wodurch im Extremfall die Teichfauna gefährdet wäre. In Maßen sind die Chlorophyllträger hingegen als Versteck für Jungfrösche und Kaulquappen erwünscht.

Seit kurzem taucht auch ein Entenpärchen immer wieder auf: Während der Erpel gründelt, um die Ernährungslage zu erkunden, watschelt das Weibchen auf der Suche nach einem geeigneten Nistplatz zwischen Büschen und Sträuchern entlang - allerdings ist die Sumpfzone noch nicht richtig zugewachsen. Bis die Natur sich hier wie im Rest des Gartens vollständig entwickelt hat, vergehen noch Jahre. Ein stabiler Zustand, schätzt HarIeß, ist erst um die Jahrtausendwende erreicht.

Genau dies kritisiert Nachbar Hans Heubeck, der den Schulgarten noch als blühende Oase kennt: "Das ist doch scheinheilig. Hecken und Bäume, die man jetzt pflanzt, hat man zuvor herausgehackt. Jetzt blüht kaum was, der ganze Platz sieht aus wie ein großer Komposthaufen. Alles ist mit Schnüren und Bändern abgeteilt, das wirkt wie eine Viehkoppel." Die Idee sei eigentlich nicht schlecht, nur hätte man sie auf einer Brachfläche verwirklichen sollen. Zur vorgespielten Idylle fehlten hier nur noch die Gartenzwerge. "Wer weiß, wie es früher an der Normannenstraße aussah, ist entsetzt", lautet sein grimmiges Urteil.

Dass das freie Spiel der Natur in der Stadt an Grenzen stößt, hat auch Gottfried HarIeß erkannt. Als er im vergangenen Jahr Getreide aussäte, konnte er nicht ernten: Tauben hatten die meisten Körner aufgepickt. Unter diesen Stadtvögeln hat sich das Nahrungseldorado "herumgesprochen": Tauchten sie anfangs nur vereinzelt auf, so gurren nun teilweise über 50 Exemplare zwischen Hügelbeet und Obstwiese - Zaunkönige, Spechte, Kleiber und Meisen müssen sich gegen sie behaupten, denn die Tauben wollen sie verjagen.

Auch das "Herz des Zentrums", wo "die Schüler ihre theoretischen Erfahrungen in die Tat umsetzen können" - wie das städtische Faltblatt euphorisch schreibt, schlägt noch nicht kräftig genug. Die Experimentierflächen, auf denen Mädchen und Buben das Pflanzenwachstum beobachten können, verwechselten einige Knirpse mit einem Spielplatz. Bei "Backe-backe-Kuchen" konnten die zarten Triebe natürlich nicht angehen.

Selbst beim Ansetzen der natürlichen Brennnessel- oder Beinwelljauche muss Gärtner Thomas Hofmann daran denken, dass die Gewächse auch noch zivilisationsbedingt gedüngt werden: Bei jedem sauren - Regenguss schwemmt es zahlreiche Stickoxide in den Boden. Das Ausbalancieren der ökologischen Gleichgewichts ist in der dichtbesiedelten Stadt eben eine schwierige Angelegenheit.

Das Echo auf Kräuterspirale und Duftecke ist jedoch durchaus groß. Die Zahl der Schulgärten in der Noris stieg von 38 im Jahr 1988 auf momentan 54. Viele Mädchen und Buben ließen sich 1989 auf einem der 400 Klassenausflüge ins Zentrum zum Pflanzen an der eigenen Grundschule anregen. Setzlinge und Beratung lieferte Lehrer Gottfried HarIeß, der auch seinen pädagogischen Kollegen in die Geheimnisse der Natur einweiht. Die Idee, Patenschaften für Beete zu übernehmen, fand ebenfalls Anklang: 17 Gemüse- und Blumenrechtecke sprießen unter den aufmerksamen Blicken von Nürnberger Bürgern, weitere Interessenten musste man aus Platzmangel abweisen.

Am Tag der Offenen Tür - 11. Mai vom 16 bis 19 Uhr - soll eine "Öko-Rallye" das Wissen um Hartriegel und Wicke vertiefen. Vogelwart Alfred Veitengruber stellt die gefiederten Tiere an der Normannenstraße vor und zwei Klassen der benachbarten Schule Sperberstraße bereiten eine Pflanzentombola vor. Beim Eintopfen im Klassenzimmer wurde deutlich, wie sehr das geplante Glashaus im Zentrum noch fehlt: Von 9 bis 13 Uhr setzte man 1000 Gewächse ein, bis 17 Uhr dauerten anschließend die Reinigungsarbeiten.

Hartmut Voigt

Die Sperberschule ist zertifizierter Projektpartner der Musikpädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg.

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